bumby
25. Februar 2008, 21:26
In der Nacht von Samstag auf Sonntag entsehen und zwar in einem Zustand, in dem man nicht Autofahren darf. Hab mir sogar die Mühe gemacht das ganze ab zu tippen.
Stadtrundgang
Die Stadt. Ein Gebilde. Ein seltsames, oft sogar so seltsam, dass die Seltsamkeit besser durch das ach so negativ behaftete Wort „entartet“ beschrieben wäre – aber jedem das seine -, erschreckend abstoßendes, doch zu gleich faszinierendes Gebilde aus Ziegelstein ( um genau zu sein, Verwendung fanden auch andere Arten von Steinen, doch am Orte des Schauspieles wurde und wird vorwiegend mit Ziegelsteinen gebaut, darum sei nur der Ziegelstein erwähnt), Holz ( Nein, dieser Einschub wird nicht genutzt, um das verwendete Bauholz zu beschreiben, denn darüber fehlen mir die Kenntnisse) und Stahl.
Sollte sich in diesem Gebilde noch eine größere Anzahl von Menschen befinden, darf sich das ganze Stadt nennen (eigentlich ist das auch wieder nicht ganz richtig, man möge nur an Geisterstädte denken, die ja auch schon vom Namen her Städte sind, aber sich eben durch das Fehlen einer größeren Anzahl von Menschen auszeichnen.).
Die Stadt. Jede Stadt hat ihre eigenen Verrückten. Verrückte, die durch ihre Gewöhnlichkeit, denn zu gewöhnliche Gewöhnlichkeit kann aufgrund ihrer Normalität, um nicht noch mal Gewöhnlichkeit zu sagen, fremd wirken, hervorstechen, Verrückte, die durch ihre eigenartigen Eigenheiten auffallen und Verrückte, die tatsächlich verrückt sind, all diese finden sich in der Stadt, in jeder Stadt.
Angefangen beim einfachen Dorftrottel, der sich am liebsten auf seinem Mofa in der Kleinstadt herumtreiben, die durch stetigen Zuzug vom Dorf, das selbstverständlich der Geburtsort des Dorftrottels ist, nun zur Kleinstadt wurde, über den Wahnsinnigen, der Schrottteile in seinem Garten zu Türmen anhäuft – der Nachbarschaft ein Quell steter Freude – und in einer Stadt lebt, die zu klein für eine Großstadt und zu groß für eine Kleinstadt ist ( je nach Größe des Zwischendings lässt sich eine unterschiedliche Zahl dieser Gattung ausmachen. Besonders interessant ist es ja, wenn sich die Müllsammler persönlich kennen und trotz ihrer Hassliebe erbitterte Konkurrenten sind) zum – uuuhu grußel grußel – Serienkiller der Großstadt. Dieser scheint ja ein besonderes seltenes Exemplar zu sein, gar nicht so häufig, wie sie in den Romanen auf den Bestsellerlisten zu finden sind, denn ich persönlich kenn keinen einzigen.
Ein älterer Stadtteil, nicht die Altstadt, sondern ein Teil, in dem vorwiegend Einzelhäuser stehen, Einzelhäuser, die schon ein paar Jahrzehnte hinter sich haben und noch ein paar Jahrzehnte vor sich, bevor sie endgültig ins Häusernirvana verschwinden, ist ein trefflicher Ort um eine Stadt auf eine andere Art kennen zulernen.
Es ist ein interessanter Stadtteil. Spannend und interessant. Die Bewohner erlitten Schicksalsschläge, sind vom sozialen Abstieg betroffen. Verarmt, dass die ursprünglichen Bauherrn sich den Unterhalt und die Renovierung ihrer einst deutlich stolzeren Häuser nicht mehr leisten. Die Gegend ist vom Verfall geprägt.
Zwischen den schlecht geflickten Asphaltstraßen, die scharfkantige Bordsteine (ja scharfkantig sollen sie sein, denn heutzutage fehle ja die Zeit Kanten abzurunden, hörte ich einen alten Mann schimpfen) finden sich auch Leute, welche sich nicht zum illustren Kreis der Eigentümer ihrer Unterkünfte zählen dürfen. Leute, die zur Miete leben; die ursprünglichen Bewohner, im Laufe der Zeit verstorben, bescherten ihren Erben, welche anderen Ortes beheimatet sind, diese zusätzliche Einnahmequelle.
Doch nicht nur Verarmte und Mieter wohnen hier, auch Menschen, die glücklich genug waren ihr Vermögen nicht zu verlieren, sondern zu vermehren, stets ihre Häuser zu vergrößern, stets zu erneuern. Stets sind hier die Einwohner durch die Größe des Geldbeutels, durch Umfang der Bildung, durch Zahl der Erlebnisse getrennt. Eine wahrlich interessante Gegend, ganz und gar nicht, wie Neubauviertel, bepflanzt mit Häusern aus dem Katalog, bewohnt von Erfolgreichen, denen dieser Wohlstand neu ist.
Zurück auf die Straße, zurück in das Viertel, das von Straßen, die schlecht geflickt sind und von scharfkantigen Bordsteinen flankiert werden, durchzogen wird.
Zu der Linken eines Bordsteines, dieses mal einer, der zur Minderheit der alten „Bauart“ von Bordsteinen zählt, einer mit schönen, in mühsamer Handarbeit abgerundeten Kanten, steht ein älterer Mercedes, kein Bauernmercedes, sondern etwas gehobener. Die Räder wurden nicht gerade gestellt und die abgefahrenen Reifen stehen seit einigen Stunden schräg, genau wie das Fell überzogene Lenkrad. Weiß wie gebleichte Zähne war es einst, doch heute erinnert die Farbe eher an Zähne, die stark vernachlässigt wurden. Die ständigen Umklammerungen durch kurze, fleischige und vor allem stark schwitzende Finger – die Konsistenz dieser Hände ist der eines feuchten Schwammes gar nicht so unähnlich – hinterließen deutliche Spuren.
Der Besitzer dieser Hände und Fahrzeughalter, der das Fahrzeug so zu sagen in Händen hält (dem misslungen Wortspiel sei wenig bis keine Aufmerksamkeit geschenkt) war ein Mann von Mitte 50. Vielleicht auch einer Ende 40, der sich schneller vom Lauf der Zeit mitreißen hat lassen. Oder einer Anfang 60, der sich gut gehalten hat. Auf jeden Fall einer, der sich in der besten Zeit des Alterns befindet. Die Zeit in der der Älterwerdende glaubt mit dem eignen älter werden, mit dem eignen Verfall, mit der eignen Distanzierung von der immer, in seinen Augen, schnelllebigeren Jugendkultur, zu recht zu kommen glaubt. Doch es ist eine Zeit der Selbsttäuschung, diese Akzeptanz ist der stille und heimliche Versuch, im Verborgenen vor sich selbst, einen Jungbrunnen zu finden… ich weiß, ich bin alt, aber oder gerade deswegen kann ich mich ja jung fühlen…Nein.
Im Alter zwischen quicklebendig und halbtot findet der Mann sein Ebenbild im Spiegel wieder. Tag für Tag. Und Tag für Tag vom einen Extrem ins andere wandelnd.
Die großen Freuden hat er hinter sich gefallen, nichts großes steht mehr bevor, die eigene Pensionierung vielleicht, aber ob das eine große Freude seien wird, weiß er nicht, vor allem ängstlich blickt er der unheimlichen Verwandlung vom Berufstätigen zum Rentner entgegen. Dafür er hat er etwas was vielen Menschen fehlt, er findet Freude an Nebensächlichkeiten, an Nichtigkeiten, an Bedeutungslosigkeiten. Kleine Geschichten und Anekdoten zählen zu den täglichen Höhepunkten, tausend mal schon erzählt, doch jedes mal wieder mit einem debilen Grinsen vorgetragen, das auf versteinerte Gesichter stößt, denn ob der ewigen Wiederholung ernten sie nicht mal mehr ein vereinzeltes Höflichkeitslächeln.
Doch das ist dem Mann egal, ihm erscheinen die Geschichten bei jedem Erzählen besser, die Meinungen der anderen interessieren ihn nicht mehr. Oder er nimmt sie erst gar nicht wahr.
Freude findet er auch am friedlichen Miteinander. Wenn er seinen Wagen (für den vergesslichen Leser: der Mercedes, auf der Straße mit den abgerundeten Bordsteinen, der ein Felllenkrad besitzt ) mit seinen immer nass geschwitzten Fingern durch die dunkle Nacht steuert, ein Fahrzeug entgegen kommt, er abblendet, das andere Fahrzeug das Abblenden still erwidert, das Fernlicht ausmacht und man friedlich aneinander vorbei fährt, ist das die Ordnung und der respektvolle Umgang, den er anderswo vermissen muss und hier zu seiner Befriedigung und Freude findet.
Doch Respekt kann einseitig sein, kann nur auf einfordern bezogen sein, nicht auf das geben. Auch hier will Respekt eingefordert werden, die Gleichgültigkeit, die die anderen Menschen von ihm erfahren, lässt nicht zu, dass sich sein Umfeld geschätzt, geachtet und respektiert fühlt. Selbst Namen von Menschen, mit denen er täglich zu tun hat, finden keinen Halt in seinem Gedächtnis. Entweder sind die Namen zu gewöhnlich und zu häufig, um einer bestimmten Person überhaupt noch zu geordnet werden zu können oder die Namen stechen durch ihre Fremdartigkeit hervor, was aber nur zur Folge hat, dass dieser neue Name gar aufgenommen wird und somit der Namensträger genauso anonym bleibt, wie Menschen, mit einem häufigen Namen.
Vereinzelt merkt er sich einen Namen, nicht zu 100 Prozent, aber ungefähr. Der Grundstock bleibt erhalten und bildet die Grundlage für mehrere Variationen des Namens. Aus Carolina wird Caroline, um sich nur wenige Minuten später in Carola zu verwandeln.
Dennoch gibt es Namen, die er sicher kennt, den Namen seiner Frau, seiner Tochter, die überraschend jung für einen Mann dieses Alters ist, 13 Jahre alt. Diese Namen kennt er.
Diesen Namen kann er ein Gesicht zu ordnen, und diesen Gesichtern kann er auch die Namen zu ordnen. Er weiß auch was für Personen sich da hinter verbergen, er weiß was sie tun, was sie mögen, und was sie nicht mögen. Was er nicht weiß ist, warum sie dieses mögen und warum jenes nicht. Ihr Verhalten ist ihm fremd und teilweise rätselhaft, denn sie verhalten sich anders als er, und das kann nur falsch sein.
Warum seine Tochter ein Horoskop liest, kann er nicht verstehen – 13 Jahre alt, was will die mit einem Horoskop? Ihre Zukunft bestimmt er, nicht die Sterne und schon gleich gar nicht irgendwelche Zeitungsredakteure – und will es auch gar nicht verstehen (ich verstehe auch nicht, warum man ein Horoskop lesen möchte, und ja auch ich möchte es eigentlich gar nicht verstehen).
Wie sieht eigentlich der Mann aus? Er ist nicht besonders groß, wohlwollend geschätzt maximal 1,70 und er ist – auch, wenn es wohlwollend formuliert – fett. Nicht nur ein bisschen beleibt, sondern fett. Von der Seite betrachtet, gleicht sein Körper einer bauchigen Ketchupflasche, nur die Farben passen nicht. Der Oberkörper und der Bauch, der den Großteil des Oberkörpers ausmacht und übrigens ziemlich stramm ist, sodass er wie ein Schneepflug vor sich getragen werden kann und auch getragen wird, um einen Weg durch die Menschenmassen zu schaffen, wird von zahlreichen Kleidungsschichten bedeckt, die nein, nicht nur Markenkleidung sind, sondern erlesene Designerkleidung, doch leider nicht allzu gut aufeinander abgestimmt. Farblich erinnert er an einen Nadelwald im November, ein tiefgrünes Sakko thront, wie die mächtigen Äste einer alten Tanne über den Stamm und den ausgetrockneten, abgefallenen Nadeln am Boden, deren Farbe der seiner Hose gleicht, über eine wilde Kombination aus Hemden und Pullunder, die durch seinen massiven Körper stark gedehnt werden und auch so stark beansprucht werden, dass gerne auch mal ein Knopf abspringt. Alles in allem eine Farbkombination, die auf einem Bild eine negative, traurige Stimmung ergeben hätte, aber hier will sie irgendwie nicht stimmig wirken und irgendwie erscheint ein Teil immer unpassend.
Das faltige Gesicht, das aufgedunsen und aufgebläht wirkt…es hätte das Gesicht eines Uhus sein können. Besonders markant und ein echter Blickfang für den Betrachter ist die rechte Augenbraun, diese steht wie wild durcheinander gewirbelt nach oben weg (man möchte fast sagen, seine Augenbraun ähnelt dem Nike-Swoosh). Die Linke ist dafür völlig normal. Der ganze Kopf endet in einer Halbglatze, die er jedoch geschickt zu verbergen versteht, die Haare auf der linken Seite sind lang, so lang, dass sie, wenn er sie zu einem Scheitel frisiert, die Halbglatze verdecken. Ohne diese Frisur, die viele Männer tragen, die sich mit dem Schwund ihrer Haare nicht abfinden können, geht er nicht aus dem Haus, niemand – abgesehen von Frau und Tochter, die ja sowieso eine Ausnahme sind, da er ihre Name kennt – hatte ihn ohne diese Frisur gesehen.
Danke fürs lesen, hat mir Spaß gemacht das zu schreiben, vieleicht werd ich daran weiterarbeiten, dem ganzen eine Intention verleihen und auch eine Geschichte einbauen.
Stadtrundgang
Die Stadt. Ein Gebilde. Ein seltsames, oft sogar so seltsam, dass die Seltsamkeit besser durch das ach so negativ behaftete Wort „entartet“ beschrieben wäre – aber jedem das seine -, erschreckend abstoßendes, doch zu gleich faszinierendes Gebilde aus Ziegelstein ( um genau zu sein, Verwendung fanden auch andere Arten von Steinen, doch am Orte des Schauspieles wurde und wird vorwiegend mit Ziegelsteinen gebaut, darum sei nur der Ziegelstein erwähnt), Holz ( Nein, dieser Einschub wird nicht genutzt, um das verwendete Bauholz zu beschreiben, denn darüber fehlen mir die Kenntnisse) und Stahl.
Sollte sich in diesem Gebilde noch eine größere Anzahl von Menschen befinden, darf sich das ganze Stadt nennen (eigentlich ist das auch wieder nicht ganz richtig, man möge nur an Geisterstädte denken, die ja auch schon vom Namen her Städte sind, aber sich eben durch das Fehlen einer größeren Anzahl von Menschen auszeichnen.).
Die Stadt. Jede Stadt hat ihre eigenen Verrückten. Verrückte, die durch ihre Gewöhnlichkeit, denn zu gewöhnliche Gewöhnlichkeit kann aufgrund ihrer Normalität, um nicht noch mal Gewöhnlichkeit zu sagen, fremd wirken, hervorstechen, Verrückte, die durch ihre eigenartigen Eigenheiten auffallen und Verrückte, die tatsächlich verrückt sind, all diese finden sich in der Stadt, in jeder Stadt.
Angefangen beim einfachen Dorftrottel, der sich am liebsten auf seinem Mofa in der Kleinstadt herumtreiben, die durch stetigen Zuzug vom Dorf, das selbstverständlich der Geburtsort des Dorftrottels ist, nun zur Kleinstadt wurde, über den Wahnsinnigen, der Schrottteile in seinem Garten zu Türmen anhäuft – der Nachbarschaft ein Quell steter Freude – und in einer Stadt lebt, die zu klein für eine Großstadt und zu groß für eine Kleinstadt ist ( je nach Größe des Zwischendings lässt sich eine unterschiedliche Zahl dieser Gattung ausmachen. Besonders interessant ist es ja, wenn sich die Müllsammler persönlich kennen und trotz ihrer Hassliebe erbitterte Konkurrenten sind) zum – uuuhu grußel grußel – Serienkiller der Großstadt. Dieser scheint ja ein besonderes seltenes Exemplar zu sein, gar nicht so häufig, wie sie in den Romanen auf den Bestsellerlisten zu finden sind, denn ich persönlich kenn keinen einzigen.
Ein älterer Stadtteil, nicht die Altstadt, sondern ein Teil, in dem vorwiegend Einzelhäuser stehen, Einzelhäuser, die schon ein paar Jahrzehnte hinter sich haben und noch ein paar Jahrzehnte vor sich, bevor sie endgültig ins Häusernirvana verschwinden, ist ein trefflicher Ort um eine Stadt auf eine andere Art kennen zulernen.
Es ist ein interessanter Stadtteil. Spannend und interessant. Die Bewohner erlitten Schicksalsschläge, sind vom sozialen Abstieg betroffen. Verarmt, dass die ursprünglichen Bauherrn sich den Unterhalt und die Renovierung ihrer einst deutlich stolzeren Häuser nicht mehr leisten. Die Gegend ist vom Verfall geprägt.
Zwischen den schlecht geflickten Asphaltstraßen, die scharfkantige Bordsteine (ja scharfkantig sollen sie sein, denn heutzutage fehle ja die Zeit Kanten abzurunden, hörte ich einen alten Mann schimpfen) finden sich auch Leute, welche sich nicht zum illustren Kreis der Eigentümer ihrer Unterkünfte zählen dürfen. Leute, die zur Miete leben; die ursprünglichen Bewohner, im Laufe der Zeit verstorben, bescherten ihren Erben, welche anderen Ortes beheimatet sind, diese zusätzliche Einnahmequelle.
Doch nicht nur Verarmte und Mieter wohnen hier, auch Menschen, die glücklich genug waren ihr Vermögen nicht zu verlieren, sondern zu vermehren, stets ihre Häuser zu vergrößern, stets zu erneuern. Stets sind hier die Einwohner durch die Größe des Geldbeutels, durch Umfang der Bildung, durch Zahl der Erlebnisse getrennt. Eine wahrlich interessante Gegend, ganz und gar nicht, wie Neubauviertel, bepflanzt mit Häusern aus dem Katalog, bewohnt von Erfolgreichen, denen dieser Wohlstand neu ist.
Zurück auf die Straße, zurück in das Viertel, das von Straßen, die schlecht geflickt sind und von scharfkantigen Bordsteinen flankiert werden, durchzogen wird.
Zu der Linken eines Bordsteines, dieses mal einer, der zur Minderheit der alten „Bauart“ von Bordsteinen zählt, einer mit schönen, in mühsamer Handarbeit abgerundeten Kanten, steht ein älterer Mercedes, kein Bauernmercedes, sondern etwas gehobener. Die Räder wurden nicht gerade gestellt und die abgefahrenen Reifen stehen seit einigen Stunden schräg, genau wie das Fell überzogene Lenkrad. Weiß wie gebleichte Zähne war es einst, doch heute erinnert die Farbe eher an Zähne, die stark vernachlässigt wurden. Die ständigen Umklammerungen durch kurze, fleischige und vor allem stark schwitzende Finger – die Konsistenz dieser Hände ist der eines feuchten Schwammes gar nicht so unähnlich – hinterließen deutliche Spuren.
Der Besitzer dieser Hände und Fahrzeughalter, der das Fahrzeug so zu sagen in Händen hält (dem misslungen Wortspiel sei wenig bis keine Aufmerksamkeit geschenkt) war ein Mann von Mitte 50. Vielleicht auch einer Ende 40, der sich schneller vom Lauf der Zeit mitreißen hat lassen. Oder einer Anfang 60, der sich gut gehalten hat. Auf jeden Fall einer, der sich in der besten Zeit des Alterns befindet. Die Zeit in der der Älterwerdende glaubt mit dem eignen älter werden, mit dem eignen Verfall, mit der eignen Distanzierung von der immer, in seinen Augen, schnelllebigeren Jugendkultur, zu recht zu kommen glaubt. Doch es ist eine Zeit der Selbsttäuschung, diese Akzeptanz ist der stille und heimliche Versuch, im Verborgenen vor sich selbst, einen Jungbrunnen zu finden… ich weiß, ich bin alt, aber oder gerade deswegen kann ich mich ja jung fühlen…Nein.
Im Alter zwischen quicklebendig und halbtot findet der Mann sein Ebenbild im Spiegel wieder. Tag für Tag. Und Tag für Tag vom einen Extrem ins andere wandelnd.
Die großen Freuden hat er hinter sich gefallen, nichts großes steht mehr bevor, die eigene Pensionierung vielleicht, aber ob das eine große Freude seien wird, weiß er nicht, vor allem ängstlich blickt er der unheimlichen Verwandlung vom Berufstätigen zum Rentner entgegen. Dafür er hat er etwas was vielen Menschen fehlt, er findet Freude an Nebensächlichkeiten, an Nichtigkeiten, an Bedeutungslosigkeiten. Kleine Geschichten und Anekdoten zählen zu den täglichen Höhepunkten, tausend mal schon erzählt, doch jedes mal wieder mit einem debilen Grinsen vorgetragen, das auf versteinerte Gesichter stößt, denn ob der ewigen Wiederholung ernten sie nicht mal mehr ein vereinzeltes Höflichkeitslächeln.
Doch das ist dem Mann egal, ihm erscheinen die Geschichten bei jedem Erzählen besser, die Meinungen der anderen interessieren ihn nicht mehr. Oder er nimmt sie erst gar nicht wahr.
Freude findet er auch am friedlichen Miteinander. Wenn er seinen Wagen (für den vergesslichen Leser: der Mercedes, auf der Straße mit den abgerundeten Bordsteinen, der ein Felllenkrad besitzt ) mit seinen immer nass geschwitzten Fingern durch die dunkle Nacht steuert, ein Fahrzeug entgegen kommt, er abblendet, das andere Fahrzeug das Abblenden still erwidert, das Fernlicht ausmacht und man friedlich aneinander vorbei fährt, ist das die Ordnung und der respektvolle Umgang, den er anderswo vermissen muss und hier zu seiner Befriedigung und Freude findet.
Doch Respekt kann einseitig sein, kann nur auf einfordern bezogen sein, nicht auf das geben. Auch hier will Respekt eingefordert werden, die Gleichgültigkeit, die die anderen Menschen von ihm erfahren, lässt nicht zu, dass sich sein Umfeld geschätzt, geachtet und respektiert fühlt. Selbst Namen von Menschen, mit denen er täglich zu tun hat, finden keinen Halt in seinem Gedächtnis. Entweder sind die Namen zu gewöhnlich und zu häufig, um einer bestimmten Person überhaupt noch zu geordnet werden zu können oder die Namen stechen durch ihre Fremdartigkeit hervor, was aber nur zur Folge hat, dass dieser neue Name gar aufgenommen wird und somit der Namensträger genauso anonym bleibt, wie Menschen, mit einem häufigen Namen.
Vereinzelt merkt er sich einen Namen, nicht zu 100 Prozent, aber ungefähr. Der Grundstock bleibt erhalten und bildet die Grundlage für mehrere Variationen des Namens. Aus Carolina wird Caroline, um sich nur wenige Minuten später in Carola zu verwandeln.
Dennoch gibt es Namen, die er sicher kennt, den Namen seiner Frau, seiner Tochter, die überraschend jung für einen Mann dieses Alters ist, 13 Jahre alt. Diese Namen kennt er.
Diesen Namen kann er ein Gesicht zu ordnen, und diesen Gesichtern kann er auch die Namen zu ordnen. Er weiß auch was für Personen sich da hinter verbergen, er weiß was sie tun, was sie mögen, und was sie nicht mögen. Was er nicht weiß ist, warum sie dieses mögen und warum jenes nicht. Ihr Verhalten ist ihm fremd und teilweise rätselhaft, denn sie verhalten sich anders als er, und das kann nur falsch sein.
Warum seine Tochter ein Horoskop liest, kann er nicht verstehen – 13 Jahre alt, was will die mit einem Horoskop? Ihre Zukunft bestimmt er, nicht die Sterne und schon gleich gar nicht irgendwelche Zeitungsredakteure – und will es auch gar nicht verstehen (ich verstehe auch nicht, warum man ein Horoskop lesen möchte, und ja auch ich möchte es eigentlich gar nicht verstehen).
Wie sieht eigentlich der Mann aus? Er ist nicht besonders groß, wohlwollend geschätzt maximal 1,70 und er ist – auch, wenn es wohlwollend formuliert – fett. Nicht nur ein bisschen beleibt, sondern fett. Von der Seite betrachtet, gleicht sein Körper einer bauchigen Ketchupflasche, nur die Farben passen nicht. Der Oberkörper und der Bauch, der den Großteil des Oberkörpers ausmacht und übrigens ziemlich stramm ist, sodass er wie ein Schneepflug vor sich getragen werden kann und auch getragen wird, um einen Weg durch die Menschenmassen zu schaffen, wird von zahlreichen Kleidungsschichten bedeckt, die nein, nicht nur Markenkleidung sind, sondern erlesene Designerkleidung, doch leider nicht allzu gut aufeinander abgestimmt. Farblich erinnert er an einen Nadelwald im November, ein tiefgrünes Sakko thront, wie die mächtigen Äste einer alten Tanne über den Stamm und den ausgetrockneten, abgefallenen Nadeln am Boden, deren Farbe der seiner Hose gleicht, über eine wilde Kombination aus Hemden und Pullunder, die durch seinen massiven Körper stark gedehnt werden und auch so stark beansprucht werden, dass gerne auch mal ein Knopf abspringt. Alles in allem eine Farbkombination, die auf einem Bild eine negative, traurige Stimmung ergeben hätte, aber hier will sie irgendwie nicht stimmig wirken und irgendwie erscheint ein Teil immer unpassend.
Das faltige Gesicht, das aufgedunsen und aufgebläht wirkt…es hätte das Gesicht eines Uhus sein können. Besonders markant und ein echter Blickfang für den Betrachter ist die rechte Augenbraun, diese steht wie wild durcheinander gewirbelt nach oben weg (man möchte fast sagen, seine Augenbraun ähnelt dem Nike-Swoosh). Die Linke ist dafür völlig normal. Der ganze Kopf endet in einer Halbglatze, die er jedoch geschickt zu verbergen versteht, die Haare auf der linken Seite sind lang, so lang, dass sie, wenn er sie zu einem Scheitel frisiert, die Halbglatze verdecken. Ohne diese Frisur, die viele Männer tragen, die sich mit dem Schwund ihrer Haare nicht abfinden können, geht er nicht aus dem Haus, niemand – abgesehen von Frau und Tochter, die ja sowieso eine Ausnahme sind, da er ihre Name kennt – hatte ihn ohne diese Frisur gesehen.
Danke fürs lesen, hat mir Spaß gemacht das zu schreiben, vieleicht werd ich daran weiterarbeiten, dem ganzen eine Intention verleihen und auch eine Geschichte einbauen.